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KlangNetz Konzertreihe 2018: Mensch und Mensch

Programme der Reihe Mensch und Mensch 2018 im Hygiene-Museum
korrespondierend zur Ausstellung Rasse/Rassismus (Mai 2018 – Februar 2019)

Sinfonietta Dresden | 8. Februar 2018 | 19:30 Uhr
Der Mensch: ein Vorsteiger. Musik zwischen Gipfeln und Abgründen

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Manchmal vollbringen einzelne Menschen Herausragendes. Sie schaffen mit diesen Pionierleistungen Bedingungen, die anderen – nennen wir sie Nachsteiger – das Leben (oder den Aufstieg) erleichtern. Faszinierend erscheint von diesen Gipfeln der neuen Aussichten und des Edelmutes der Blick hinunter, in die Abgründe: Je tiefer es hinunter geht, desto größer der Schauer des Vergnügens. In diesem Sinne lassen sich wohl die jährlich wachsenden Besucherströme in das Museum des US- amerikanischen Staatsgefängnisses Sing-Sing deuten. Gleichsam konserviert und domestiziert taugt die dort allmählich verblassende Aura eines real erfahrbaren Schwerverbrechertums als Attraktion, die sich touristisch verwerten lässt.

Mit der Erhaltung solch entlegener Unorte bleibt das Spannungsverhältnis von Gipfel- und Tiefenerfahrung im gesellschaftlichen Bewusstsein präsent und quasi gespeichert. Das Speichern als solches gehört ebenfalls zur kulturellen Biografie des Menschen. Denkt man bei dem Wort Speicher an den Raum unter dem Dach, befinden wir uns ein zweites Mal innerhalb des Konzertprogramms in Über-Kopf-Höhe; der Speicher als Gipfel der Häuslichkeit. Die Tiefendimension in Bezug auf die Metapher des Dachbodens öffnet mit seinem Stück „Partiels“ Gerard Grisey. Er untersucht darin den Klang als physisches Phänomen wie unter einem Mikroskop in seiner Beschaffenheit. Das dahinter stehende kompositorische Konzept, die Obertonstruktur eines Klanges sowohl in klangfarblichen als auch harmonischen Kontext wirksam werden zu lassen und damit immer wieder einzelne Aspekte von Klangphänomenen in Beziehung zu anderen Eigenschaften zu stellen, bildet den künstlerischen Fluchtpunkt des Konzertes: innerhalb des Programms treten die einzelnen Stücke mit ihren gedanklichen Kontexten vor allem – möglicherweise sogar ausschließlich – musikalisch in Bezug zueinander. Musik, so der sich aufdrängende Eindruck, scheint wie gemacht für die Betrachtung von Höhen und Tiefen. In allen Stücken, auch in den „Computer Chronicles“ des polnischen Komponisten Piotr Peszat, findet sich die Dimension des Menschlichen, des risikofreudigen, abenteuerlichen, stolzen und verzweifelten Menschen wieder, der sich den Herausforderungen des Lebens stellt, ja stellen muss: ein Vorsteiger eben.

Programm:

Carsten Hennig                Vorstieg (Uraufführung)
Carsten Hennig                Ausflug nach Sing-Sing
Enno Poppe                     Speicher II und V“
Gerard Grisey                  Partiels
Piotr Peszat                      Computer Chronicles


El Perro Andaluz trifft Farbwerk | 17. Mai 2018 | 19:30 Uhr
Coming Together – Konzert und tänzerische Szenen inklusiv

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Die menschliche Stimme ist uns von allen Instrumenten das Vertrauteste, da es wohl in allen Kulturkreisen das erste ist, welches an unser Ohr dringt und es fast allen Menschen von Geburt an zur Verfügung steht. Unsere Stimme erzeugt Klänge, die je nach Kontext verschiedene Informationen und Emotionen transportieren können. Insofern kann man sie den anderen Instrumenten vergleichen. Im Spannungsfeld zwischen Emotion und Information versuchen die Stücke dieses Konzertes den Bogen zu spannen von den fast schon naiven Volksliedbearbeitungen Luciano Berios, die ganz getragen sind von der Liebe zu ursprünglichen Gesängen verschiedener Kulturen, bis hin zur gänzlichen Abwesenheit von Gesang in der brutal-präzisen Großstadtatmosphäre von David Langs cheating, lying, stealing. Dazwischen steht die Sprachlosigkeit angesichts unerfüllter Liebe, artikuliert durch gestammelte Phoneme in Vladimir Rannevs intimen und fast schon installativem Werk Solch eine Liebe und die physische Wucht von Frederik Rzewskis Coming together, welche die klaren Poesie des Briefs eines Gefängnisinsassen in ungemein packender Weise emotional verdichtet. Eine intensive Reise durch menschliche Gefühlswelten, nicht ganz ohne Klischees, aber jederzeit kitschfrei und authentisch. Um den neuen Ansatz einer inklusiven Musikvermittlung für mehr Menschen unterschiedlichster Voraussetzungen und Herkunft zu ermöglichen, wird El Perro Andaluz 2018 mit dem Dresdner Kunst- und Kulturverein Farbwerk – Verein für Künstler mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten.

Programm:

Luciano Berio       Folk Songs (1964)
(1925 – 2003)         für Mezzosopran, Fl (+picc), Klar, Perc (2), Hrf, Vla, Vcl

David Lang           cheating, lying stealing (1995)
(*1957)                  für Bkl, Vcl, Pf, Perc, 2 antiph. brake drums

Vladimir Rannev   Solch eine Liebe (2014)
(*1970)                  für 4 Triangeln, Akkordeon, Gesang, Projektion

Frederic Rzewski Coming together (1973)
(*1938)                  für freie Besetzung

Während des Programms werden tänzerische Szenen von Schauspielern und Tänzern des Farbwerk e.V. aufgeführt.


AuditivVokal | 14. Juni 2018 | 19:30 Uhr
Liebe 3.0: wie wollen wir l(i)eben?

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Die Werke des Abends erörtern das Motiv der Liebe auf unterschiedlichste Herangehensweisen: da kommt es zu Nähe, Reibung, Wärme, aber auch Ferne, Abstoßung, Kälte. In einem von Liebeshunger und Tatendurst strotzenden Programm entführen AUDITIVVOKAL DRESDEN und Olaf Katzer in bekannte und unbekannte Gefilde der Lieb- und Leidenschaften. Es entstehen unterschiedlichste Paarungen von Alter und Neuer Musik, Ménages-à-trois und Solonummern.
Mit Uraufführungen u. a. von Vito Palumbo und Arne Sanders.

Programm:

Anonymus                        Worcester fragments (Auszüge, 13. Jhrdt.)
für drei Männerstimmen

Michael Edward Edgerton: Worcester fragments (1996/2018)
(*1961)                              für 1-3 Stimmen

Erwin Schulhoff              Sonata erotica (1919)
für Solo-Muttertrompete

Arne Sanders                   Lied der Minne (2017)
für 5 Stimmen

Joachim Heinz                   S’io non miro, non moro (2012)
für Sopran und Live-Elektronik

Carlo Gesualdo                  S’io non miro, non moro (1611)
für 5 Stimmen

[Pause]

Claudio Monteverdi         Ah, dolente partita (SV 75), aus Madrigalbuch (1603)
(1557 – 1643)                     für fünf Stimmen

Vito Palumbo                   Ah dolente partita (2003, UA)
(*1972)                              für gemischten Chor

John Cage                        Aria (1958)
(1912 – 1992)                  für irgendeine Stimme

André Serre-Milan         Das Lieben – L’Amour (2010)
für drei Stimmen


Neues Klaviertrio Dresden (vormals elole) | 23. August 2018 |
18:30 Einführung | Beginn 19:30 Uhr

Darf man das?

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Es geht in diesem Konzert um das, was in manchen klassischen Konzertkontexten auf Ablehnung stößt. Darf Musik im Alltag verhaftet und komisch sein? Darf sie romantische Musik vermittels Looptechnik aufgreifen? Darf sie andere Gegenwartsmusik aufgreifen, sie nicht nur loopen sondern auch den festen Notentext Richtung Improvisation verlassen? Darf Neue Musik sich bei Rock’n Roll bedienen und tanzbar werden? Die vier Stücke des Abends, die alle für das Ensemble elole entstanden sind, antworten jeweils mit „Ja“.

Programm:

Petr Cígler                        Jagdtrio (2015)
(1978)

Bernhard Lang                 Monadologie XX ……für Franz (2012)
(1957)

Arturas Bumšteinas         Concentric Piece #1 (from Salvatore) (2009)
(1992)

Robin Hoffmann              2EE – für Erwachsene, mit erheblichen Vorbehalten (2015)
(1970)


The Wetware Trombone  | 27. September | 19:30 Uhr
Atem der Nacht

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„Atem der Nacht“ ist eine 1994 erstmals realisierte multi-mediale Performance mit Tanz, live-Musik, Computer-Sound und Video-Animation, die hier in einer Neufassung präsentiert wird. Sie bezieht die Begebenheiten des umgebenden Raumes – dessen Bilder und Klänge – in die Komposition ein und  spiegelt die Intensität der Nacht, die Ruhe der Schlafenden wie das tiefe Erleben der Wachenden. Die Musik erhält ein visuelles Komplement aus Tanz und Licht. Das Motto des Abends ist auf die „Hymnen an die Nacht“ von Novalis bezogen:

„Aber getreu der Nacht bleibt mein Herz, der schaffenden Liebe…/  Wird nie der Liebe geheimes Opfer ewig brennen? / Zugemessen ward dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos ist der Nacht Herrschaft.“…   Nicht zuletzt geht es an diesem Abend um die Reflexion und Vergegenwärtigung dieser berühmten Dichtung mit Mitteln der Gegenwart.

Iris Sputh – Tanz

Günter Heinz / Wetware Trombone – Posaune und Flöte

Andre Bartetzki  –  Elektronik und Sound

Jo Siamon Salich – Video-Animation


ensemble courage | 15. November | 19:30 Uhr
Homo homini lupus

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Gibt es im 21. Jahrhundert noch „verfemte Musik“? Explizite Aufführungsverbote, wie sie in der Nazizeit – meist aus kombiniert ästhetischen, „rassischen“ und politischen Gründen – gang und gäbe waren, werden heute nicht mehr verhängt. Die zeitgenössische Konzertmusik gilt zudem über weite Strecken als derart marginale Nischenkultur, dass man ihr – anders als etwa Theater, Film, Literatur – kaum noch unmittelbare politische Wirkung zutraut, so dass es der Mühe kaum lohnt, sie zu verbieten. Andererseits sind in vielen Ländern, auch solchen mit einer (einstmals) renommierten Kultur der musikalischen Avantgarde, reaktionäre kulturpolitische Entwicklungen massiv auf dem Vormarsch, und hiervon ist auch das Musikleben betroffen. Das Programm vereint Werke von Komponistinnen und Komponisten, die in ihren Ländern in unterschiedlicher Weise, sei es wegen ihrer politischen, religiösen oder sexuellen Orientierung, sei es wegen ihrer künstlerischen Haltung, mit Ressentiments konfrontiert wurden.

Programm:

Aliona Yurtsevich             Entropy Chant (2012)
für fl, bcl, trp, amplif. pno, el git, vln, vcl, db

Julius Eastman                 Gay Guerilla
(1940 – 1990)                         freie Instrumentation

Iannis Xenakis                  Phlegra (1975)
(1922 – 2001)                     für fl, ob, cl, fg, hn, trp, trb, vln, vla, vcl, db

Ali Authman                    Neues Werk (UA, Auftragswerk)
(*1973)


vocal modern | 30. November 2018 | 19:30 Uhr | Himmelfahrtskirche DD-Leuben
Begegnung des Menschlichen

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Es ist im christlichen Denken tief verankert, allen Menschen das gleiche Recht auf Leben zuzugestehen. Die Idee des christlichen Advents, dass auch allen Mitmenschen Gott begegnet, ist eine starke Kontraposition zu jeder Art von Rassismus zu verstehen – und sie wird in diesem Konzert durch die Uraufführung eines großen zyklischen Werks des in Schweden lebenden deutschen Komponisten Hans Darmstadt und durch zwei weitere Werke explizit in die Gegenwart fortgeschrieben.

Programm:

Hans Darmstadt               Missa choraliter in adventu Domini Jesu Christi (2015)
(* 1943)                             Kyrie – O Heiland, reiß die Himmel auf

für Alt-/Mezzosopransolo und gemischten Chor a cappella

Gloria – Es kommt ein Schiff geladen

für Baritonsolo und gemischten Chor a cappella

Credo – O süßer Herre Jesu Christ

für Tenorsolo und gemischten Chor a cappella

Jörg Herchet                     Kantate zum 17. Sonntag nach Trinitatis (2012)
(*1943)                                             für Sopran solo, Schlagzeug und Publikum
daraus:            Alexander Morawitz, du kleidest mich in den Abglanz deiner Herrlichkeit
(Text: Jörg Milbradt)

Manfred Weiss                 Noch Gast im Jammertal (2015)
(* 1935)                             für Chor, Gemeinde, Schlagzeug und Orgel