Neue Poesie und Töne [DNN 9. Nov. 2009 - Alexander Keuk]
Natürlich freut sich ein Konzertveranstalter, wenn ihm eine besonders schlüssige Dramaturgie gelingt. In manchen Fällen kann aber auch das Experiment interessant sein, gegensätzliche Werke und Bezüge aufeinanderprallen zu lassen, um durch die ungeahnte Wirkung den Horizont zu erweitern. Mit der von der DNN präsentierten Konzertreihe „Spiegelungen“ der Sinfonietta Dresden in der Dreikönigskirche werden diese Experimente zum Programm: eine Haydn-Sinfonie gesellt sich zu einem neuen sächsischen Werk und einem weiteren zeitgenössischer Provenienz, das „an den Rändern Europas“ entstanden ist. Und auch diesmal schärften die neuen Werke das Bewusstsein für die Modernität des Hofmusikers der Esterházys, und in den beiden neuen Kompositionen war natürlich jede Menge Tradition zu entdecken.
Der wagemutige Flug durch Europa begann diesmal in Sachsen, führte über die Bretagne nach Estland und über Österreich zurück nach Frankreich. Einen Jetlag bekam man davon nicht, aber in Helena Tulves „Stream“ war zumindest ein unaufhörlicher Weg vorgezeichnet, der dieser Reise hätte entsprechen können. In einer Quartettbesetzung brachen sich in der Komposition der Estin die Töne sehr verästelt, aber in zwingender Tonsprache ihre Bahn und steuerten einen rhythmisch kernigen Höhepunkt zu. Andreas Kersting hatte zuvor ein opulentes, farbiges Gemälde zum höchst intimen Gedicht „A barzh ur mor a dud“ des bretonischen Dichters Antony Heulin entworfen.(…)
Im zweiten Teil des Konzertes las Brünner dann aus Stefan Zweigs biographischem Roman „Marie Antoinette“ und bildete so die Brücke zu Joseph Haydns 85. Sinfonie „La Reine“, der ersten aus einem Zyklus von Auftragswerken für ein Pariser Orchester. Ekkehard Klemm, der zuvor schon mit sicherer Hand durch die Erstaufführungen des Abends leitete, schuf eine packende und vitale Interpretation der Sinfonie, die nur en detail und auch en passant ihre Frankophilie verriet. Das ganz österreichische Menuett nahm Klemm zurückhaltend und wiegend, während das Finale ganz auf rasanten Ausklang bemüht war. Ein vielschichtiger recht langer Konzertabend ging so zu Ende, der in Wort und Ton viel Platz für Inspiration und Weiterdenken anbot.