Werke und Autoren der Musiktheaterminiaturen „Und ich springe in jede Gestalt“, die am Donnerstag uraufgeführt wurden, sind in unserer Zeitung bereits ausführlich vorgestellt worden. Es bedurfte nun des visuellen und akustischen Eindrucks, um das Ergebnis der Kooperation der Musikhochschule mit dem Leonhardi-Museum auf seine Qualität und Publikumswirksamkeit zu prüfen. Dabei bedarf es kaum noch des Hinweises, dass beide Kategorien nicht zwingend zusammenfallen müssen.
Oft genug werden Werke hoher Qualität vom Publikum nicht ausreichen gewürdigt. Das Leonhardi-Museum hat aber eine geringe Platzkapazität, um Publikum in großer Zahl anzulocken, so dass man annehmen konnte, dass wirklich nur echte Interessenten die Uraufführung besuchen. Angekündigt war eine Doppeluraufführung mit den Ensembles AUDITIVVOKAL DRESDEN und AUDITIVINSTRUMENTAL DRESDEN.
Zwei Ensembles mit zwei Werken oder ein Ensemble mit einer Vielzahl von Werken? Ich bin nicht sicher wie es gedacht war, bin nicht einmal sicher, was tatsächlich zu erleben war. Der Vorzug der Produktionen besteht gerade in der Mehrdeutigkeit und Vielgestaltigkeit der Details und der Freiheit, die den Zuschauern bei der Deutung des Erlebten eingeräumt wird.
Natürlich kann das auch negativ formuliert werden: Aus der Beliebigkeit der Werke des Programms, ihrer Reihenfolge und der Interpretation des Einzelwerkes ergibt sich keine zwingende Dramaturgie, so dass man letztlich auch fragen könnte, wohin das Ganze eigentlich führen soll, welche Absicht Autoren und Ausführende verfolgen. So sehr ich in anderen Fällen gegen solcherart Beliebigkeit Bedenken und Protest anmelde, so gern bin ich bereit, von diesen Forderungen im vorliegenden Fall abzusehen und zu empfehlen, den künstlerisch überhöhten Spaß wirken zu lassen. Zwei Charakteristika sind besonders hervorzuheben.
Beide Werke, zwischen denen ich gar nicht erst unterscheiden möchte, verzichten auf trockenen Intellektualismus, sondern sind voll von praller Sinnlichkeit. Nicht kopflastig zu sein bedeutet freilich nicht den Verzicht auf geistigen Gehalt. Der aber wird in seiner Richtung nicht vorgegeben, sondern stellt vielmehr einen Appell an die Imaginationskraft der Zuschauer dar. Zwar geht es in weiten Bereichen um Madrigale, alte und neue, aber es ist ebenso möglich auf diese Klammer zu verzichten, zumal sie nicht für alle Teile gleichermaßen anwendbar ist.
Das zweite essenzielle Merkmal ist der Spaß, den die Ausführenden bei ihrer Arbeit haben und der sich zwanglos auf das Publikum überträgt. Allerdings zahlen Sänger und Instrumentalisten für diesen Spaß einen hohen Preis, nämlich ein enormes Maß an Perfektion bei der Wiedergabe.
Die wird vor allem im vokalen Bereich bis an die Grenzen des Möglichen getrieben, so dass die gesungenen Teile weit intensiver in Erinnerung bleiben.
Verstärkt wird das noch durch vollen körperlichen Einsatz beim Singen – hier wird Kunst mit allen Fasern des Körperlichen vollzogen und, notfalls auch total überdreht, vorgeführt. Bei der Vielzahl von Mitwirkenden und Einzelwerken wäre die Nennung einzelner Elemente und Personen ungerecht, denn alle haben ihre Würdigung verdient.
Am Ende aber bleibt die Frage, in welche Richtung die beiden Ensembles weitergehen wollen und können. Das Erlebte, so ist zu befürchten, markiert eine Grenze, bei der die Gefahr besteht, dass sie kaum noch erweitert werden kann. Und die bloße Replikation dürfte den Produzenten selbst nicht genügen.
Peter Zacher